Der unbeschränkte Welpe – Dein Problemhund von morgen

Der unbeschränkte Welpe – Dein Problemhund von morgen

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Es gibt in den letzten 20 Jahren eine sehr ungute Entwicklung bei Welpen. Einen Trend, den ich als Hundetrainerin mit echter Sorge betrachte:
Denn proportional zu dieser Entwicklung steigt die Anzahl der Hunde, die einem später als echte Problemhunde vorgestellt werden und die als ernsthaft nicht gesellschaftsfähig zu bezeichnen sind.

Ich spreche von einer immer größer werdenden Anzahl von Welpen, die mit 10 oder 12 Wochen keine einzige Sekunde still sitzen können.
Welpen, die ohrenbetäubend schreien, kreischen und heftig zubeißen, wenn sie nicht sofort bekommen, was sie genau JETZT wollen.
Welpen, die schon mit 9 Wochen zähnefletschend vor ihrem neuen Besitzer stehen – bereit, ihren Futternapf bis auf’s Blut zu verteidigen.
Welpen, die hysterische Wutanfälle bekommen, wenn sie mal für mehr als eine Sekunde festgehalten werden müssen, weil sie sich nicht den Döner inklusive Aluverpackung reinpfeifen oder sich eine verlorene Socke ihres Halters in den Magen schieben sollen.
Welpen, bei denen es quasi unmöglich ist, Ohren- oder Augentropfen zu verabreichen.
Welpen, die sich mit 8 Wochen schon ernsthaft in ihren Artgenossen festbeißen und mit absoluter Vehemenz beißschütteln.

Hört sich gruselig an? Ist es auch. Aber woher kommt das?
Meiner Erfahrung nach hat das insbesondere drei Gründe:

1. Die kleinste Anzahl von Welpen wird inzwischen noch bei einem verantwortungsvollen Züchter gekauft.

Das ist ein Züchter, der seine Welpen von Anfang an gut sozialisiert, schon vor der Abgabe dosiert an gewisse Umweltreize gewöhnt und ihnen bis zur Übergabe an ihre Käufer schon die eine oder andere Spielregel welpengerecht beigebracht hat. Unter anderem die, dass es natürlich auch gewisse Umgangsformen zwischen Mensch und Hund gibt.
Ein Züchter, der die Entwicklungstendenzen seiner Sprösslinge sehr gut einschätzen kann und dementsprechend darauf achtet, dass der Käufer auch zu dem Welpen passt.
Ein Züchter übrigens auch, der sieht, wenn seine Hündin z.B. mit ihrem ersten Wurf erzieherisch überfordert ist und für entsprechend qualifizierten vierbeinige Unterstützung durch erfahrene „Tanten“ und „Onkel“ sorgt.

Das ist kein Züchter-Bashing. Die richtigen werden mir zustimmen, die anderen dürfen sich gerne angesprochen fühlen.
Es gibt genug gute Züchter, die das genau so machen und von Geburt an wirklich viel Arbeit und Herzblut in jedes Individuum ihrer Würfe stecken. Leider gibt es aber mindestens ebenso viele andere.

Und – das muss man leider auch genau so sagen:
Die Nachfrage nach Welpen ist inzwischen einfach um ein vielfaches höher, als dass diese Anzahl von angefragten Welpen überhaupt noch von entsprechend guten Züchtern „produziert“ werden könnte…

2. Es wird gemixt, was man mixen kann:

Die einschlägigen Online-Verkaufsportale geben her, was auch immer man sich wünscht. Oder verkaufen will. Da wird der Husky mit dem Spitz gekreuzt, der Malinois mit dem Herdenschutzhund, der Australian Shepherd mit dem Weimaraner und der Weimaraner mit dem Labrador.
Sieht oft gut aus, bekommt meist coole neue „Rassetitel“. Ist aber genetisch eher semi- kompatibel, was man da so miteinander vermischt. Je mehr (unterschiedlicher) Gebrauchshund drin ist, desto schwieriger wird es in der Erziehung. Und wenn es dann noch das „Beste“ von beiden ist… dann musst Du als Welpenbesitzer sehr, sehr schnell echter Experte für Rassekunde werden!
Das sind aber die wenigsten.

Von guter Sozialisierung durch einen „Züchter“ spreche ich hier gar nicht mehr. Jemand der Ahnung von Genetik hat, kreuzt bestimmte Rassen eben gerade NICHT miteinander. Punkt.

3. Hundebesitzer wollen – oder können (!) – gar nicht mehr erziehen:

Ein Trend, der leider auch immer mehr und mehr zunimmt.
Den Welpen will man noch. Aber alles andere wird schwierig. Grenzen setzen tut einem in der Seele nämlich schrecklich weh!
Statt eine Grenze zu setzen, wo eine Grenze hingehört, springen auch erwachsene Menschen inzwischen weinend auf der Flucht vor den Milchzähnen ihrer Welpen auf’s Sofa. Oder bedienen jedes Gekreische ihres kleinen Hundes mit entsprechender Aufmerksamkeit und erfüllen jeden Wunsch sofort und dienstgerecht.

Konflikte annehmen? Bearbeiten? In die richtigen Bahnen lenken? Einmal aushalten, dass auch ein Welpe nicht immer nur fröhlich sein muss, dass ein Welpe auch gar nicht fröhlich sein SOLL, nachdem er eine Grenze aufgezeigt bekommmt?
Das alles… Fehlanzeige.

Es gibt für niemanden auf dieser Welt ein absolutes Recht auf immerwährende Fröhlichkeit.
Vor allem dann nicht, wenn diese „Fröhlichkeit“ eine ständige Einschränkung anderer voraussetzt. Eine solch gelebte Fröhlichkeit heißt übrigens Egoismus. Und die verkehrt sich sehr schnell in Wut und Aggression, sobald sich einer nicht – oder nicht mehr – einschränken lassen will.
Nun reicht in der Regel schon eine der drei oben genannten Komponenten, um das Leben mit einem Welpen schwierig genug zu machen. Dummerweise kommen inzwischen aber ganz oft zwei oder sogar alle drei Punkte zusammen:

Richtig erziehen will der Mensch nicht, beim guten Züchter gekauft war nicht dabei und von der Rasse/den Rasse-Mixen hat man eigentlich auch keine Ahnung.
Das Ergebnis sind entweder Hunde, die irgendwann ihren Ursprüngen entsprechend in den eischlägigen Online-Portalen als Wanderpokale weiter gereicht werden, im Tierheim landen oder schlicht gefährlich in ihrem und für ihr Umfeld sind:

Weil sie beißen, weil sie ungehemmt jagen, weil sie für ihre Halter (nicht mal) an der Leine zu händeln sind. Weil sie – bestenfalls – nichts anderes können, als jeden Artgenossen im „Spiel“ mit Wucht umzuballern. Im schlimmstesten Fall machen sie einfach keine Gefangenen mehr, wenn ihnen nur die Musik nicht passt.

Gemachte Egoisten.

 

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Rassespezifische Eigenschaften Teil 2 – Territorialverhalten

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Im zweiten Teil der rassespezifischen Eigenschaften geht es am Beispiel Territorial- bzw. Revierverhalten um die klassische Selbstbelohnung.

Revierverhalten.
Als Revierverhalten bezeichnet man in der Biologie alle Verhaltensweisen, die das Revier eines Tieres oder (s)einer Gruppe kenntlich machen oder die geeignet sind, das Revier gegen andere, revierfremde, Artgenossen zu verteidigen. Also vom Markieren über das Drohen bis hin zum Angriff.
Im Laufe der Domestikation vom Wolf zum Hund haben wir Menschen uns dies zum Vorteil gemacht und Hunde entsprechend ihrer Nützlichkeit zu unseren Bedürfnissen selektiert. Im Falle des Territorialverhaltens heißt dies, dass uns Hunde tatsächlich nützlicher erschienen, die ein „Revier“ nicht nur gegen gruppenfremde Artgenossen verteidigen, sondern auch gegen fremde Menschen:

Potenzielle Diebe von Hab und Gut, Vieh, Nahrungsmitteln etc.pp.

Je nachdem, wie ausgeprägt und in wecher Form man das Revierverhalten für sich einsetzen und nutzen wollte, hat man die Tiere ihren Aufgaben entsprechend selektiert und „gezüchtet“.
Daraus entstanden sind bestimmte Hundeschläge bzw. später spezielle Gebrauchshunderassen.

Der Spazierweg und das mobile Revier.
Zum Leidwesen vieler Hundebesitzer beschränkt sich für viele Hunde das Territorialverhalten keineswegs nur allein auf Wohnung oder Garten. Revier ist das, wo man sich häufig aufhält, also durchaus auch die regelmäßig frequentierte Gassi-Strecke.

Und manch ein Hund hat sein „mobiles Revier“ schlicht immer und überall im Gepäck und packt es dann bei jeder entsprechenden Gelegenheit auch aus. Zum Beispiel wenn sein Mensch sich für 5 Minuten auf die Parkbank setzt.
Und auch dieses Verhalten ist bei vielen Hunderassen im Zuge der genetischen Selektion und ursprünglichen Verwendungszwecke nicht nur gewünscht, es war und ist – zum Teil bis heute – gewollt.

Genetische Eigenschaften sind selbstbelohnend.
Genau diese genetisch fixierten Eigenschaften sind es aber häufig, die dem heutigen Hundehalter irgendwann auf die Füße fallen:
Denn diese, vom Menschen züchterisch geförderten, Rassetalente macht vor allem eins aus – sie sind selbstbelohnend!

Die intrinsische Motivation.
Man spricht hier auch von der sog. intrinsischen Motivation. Das beudeutet – verkürzt – nichts anderes, als dass das Erleben und Ausleben bestimmer Verhaltensweisen selbst so viel Freude und Spaß bereitet, das keine Verstärkung mittels Belohnung von außen erforderlich ist. Ein Verhalten, das auf innerer Motivation beruht, verstärkt sich also einfach selbst dadurch, dass es (aus)gelebt wird.

Das ist im übrigen auch die ganz simple Erklärung dafür, warum sich so viele Hunde insbesondere im Revierverteidigungsmodus (und zum Leidwesen ihrer Halter) so unbestechlich gegenüber guten Worten und der Fleischwurst zeigen…

Um beim Territorialverhalten von Hunden zu bleiben: Je mehr Wert der Mensch also im Laufe der Selektion von Hunderassen auf eben dieses Verhalten gelegt hat, desto weniger muss er tun, um genau dieses beim Hund hervorzurufen. Es muss also eben gerade nicht (!) mühselig trainiert werden, dass der Hund Revierverteidigung zeigt.

Die Aufgabe des Hundehalters
Was der Mensch als Hundehalter in unserer heutigen Zeit, vorzugsweise in dichtbesiedelten Gebieten wie z.B. Deutschland, stattdessen zwingend tun muss, ist etwas ganz anderes:

Er muss Sorge dafür tragen, dass insbesondere der „Gebrauchshund“ in Privathand händelbar bleibt. Und dafür müssen von Welpenbeinen an Spielregeln aufgestellt werden. Es ist also unabdingbar, dass auch revierverteidigendes Verhalten zwingend begrenzt werden muss!

Genetisch fixierte Rasseeigenschaften lassen sich von der intrinsichen Motivation eines entsprechenden Hundes schlicht nicht entkoppeln. So einfach ist das. Und so komplex gleichermaßen!

Denn nun ist das, trotzallem, mit allen genetisch fixierten Rasseeigenschaften eine recht verzwickte Sache: Die sind nämlich nicht – plopp! – mit dem Tage der Geburt eines Welpen von jetzt auf gleich in ganzer Ausprägung vorhanden. Sie entwickeln sich stattdessen sukzessive im Verlaufe des Erwachsenwerdens.

Das macht auch biologisch Sinn. Sonst wären, by the way, viele Hunde schon als Welpe für ihre Menschen nicht mehr händelbar. Wobei es das, insbesondere im Aggressionsbereich, gar nicht so selten gibt. Das ist aber ein anderes Thema

Fördere nicht, was Du nicht händeln kannst.
Was heißt das denn nun für den Hundehalter in Bezug auf das Territorialverhalten?

Es heißt nichts anderes, als dass ich keinesfalls fördere, was ich objektiv nicht in der Lage bin bei meinem Hund zu kontrollieren. Einem Dobermann, Rottweiler, Schäferhund, Hovawart oder Cane Corso muss ich nämlich nicht beibringen, wie das mit dem Aufpassen geht. Das kann der ganz von allein.

Und nicht nur das. Ich sollte nicht nur NICHT fördern, ich darf entsprechende Tendenzen auch nicht einfach so ignorieren und hoffen, dass die sich irgendwann „verwachsen“. So funktioniert das mit der intrinsischen Motivation eben nämlich gerade nicht!

Auch ignorieren heißt fördern.
Sprechen wir Klartext. Ignorieren ist hier nichts anderes als Fördern. Fördern durch Unterlassen und Nichtstun. Denn der Hund verschafft sich seine Belohnung völlig ungehemmt und zu seinen Bedingungen einfach selbst. Indem er tut, was er tut.

Im Falle des entsprechenden Hundetyps/Hunderasse mit ausgeprägtem Revierverhalten ist man also gut beraten, sich sehr genau zu überlegen, ob man als Hundehalter diesen Talenten seines Hundes auch gewachsen ist. Denn auf „später“ verschieben kann man hier nicht. Zumindest nicht dann, wenn man doch noch mal von irgendwem Besuch erhalten oder sicherstellen möchte, dass der Hund nicht zur Gefahr für andere auf dem üblichen Spazierweg wird.

Die Geister, die ich rief, lassen sich nämlich oft nur schwerlich, manchmal gar nicht – und selten widerstandslos – zurück in die Flasche schicken.

Daher hat es verständliche Gründe, wenn ein entsprechender Hundezüchter die Abgabe in Privathand ablehnt, weil er z.B. seine Hunde ausschließlich für den Dienstgebrauch bei der Polizei züchtet. Oder ein Züchter seine Welpen nur an bereits hunde- und rasseerfahrene Menschen abgibt. Er weiß nämlich, wie sich seine Hunde bei unbedarften Privathundehaltern oder Hundeanfängern entwickeln würden – im Gegensatz zu den marktbedienenden Online-Händlern, Kofferraum-Verkäufern und Muddi und Pappa Müsch, die sich mal eben überlegt haben, dass es eine tolle Idee wäre, wenn Aussie Anna mit Pitbull Piet Nachwuchs zeugt. Denen ist das nämlich egal mit den rassespezifischen Eigenschaften und der intrinsischen Motivation. Meistens wissen sie darüber auch einfach nichts.

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Rassespezifische Eigenschaften Teil 1 – Jagdverhalten

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Durchbrennen oder nicht – kann man Jagdverhalten abtrainieren?

Viele Hunde sind ziemlich passionierte Jäger und nutzen jede sich bietende Gelegenheit, ihrem Hundehalter zu entwischen, sobald sich ein jagdbarer Reiz bietet.

Da stellt sich natürlich die Frage, ob man seinem Vierbeiner die Jagdlust nicht irgendwie abtrainieren kann?

Die Antwort ist eindeutig nein.

Warum das nicht geht, zeige ich euch hier anhand eines Videoausschnitts mit meinem eigenen Malinois-Herdenschutzhund-Mischling Fifty und erkläre euch in den Untertiteln, was er da in sehr schneller Abfolge eigentlich tut.

Jagdliche Appetenz

Das, was ihr auf diesem Video seht, ist das Ergebnis mühseliger Arbeit von einem ganzen Jahr Training, bis überhaupt an Freilauf zu denken war. Vorher wäre Fifty einfach schon bei der kleinsten Bewegung am Horizont durchgebrannt. Und trotzdem könnt ihr deutlich erkennen, dass man „Jagdverhalten“ eben NICHT wegtrainieren kann – im günstigsten Fall ist es für den Hundehalter gut kontrollierbar.

Denn auch Fifty ist hier natürlich mit allen Sinnen im Jagdmodus: scannen, hören, riechen. In diesem Fall ist es der Beginn der jagdlichen Handlungskette und die gezielte Suche nach einem möglichen Reiz. Das ist die sogenannte Appetenz.

Hohe Jagdmotivation als Problem im Alltag

Eine hohe Jagdmotivation kann sich im Alltag als echt gravierendes Problem herausstellen: Nicht nur bei Wild, sondern gerade, wenn bei einem Hund noch andere Bewegungsreize das genetisch manifestierte Beutefangverhalten auslösen wie Autos, Radfahrer, Jogger, spielende Kinder oder auch… rennende (Klein)hunde.

Rassetypische Eigenschaften

Als mein Hund mit 1,5 Jahren aus Ungarn kam, war für den vermittelnden Tierschutzverein klar, dass er – trotz seiner grundsätzlich freundlichen und aufgeschlossenen Persönlichkeit – NICHT an Hundeanfänger vermittelt wird.

Das war auch die richtige Entscheidung.

Er würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit heute Radfahrer, Autos und Jogger jagen, kleine, rennende Hunde als potenzielle Beute betrachten und wäre in Wald und Feld weder ansprechbar noch ableinbar. Und ein paar Herdenschutzhund typische Verhaltensweisen wären vermutlich bei Hundeänfängern ebenfalls eskaliert.

Es hätte keiner Mühe bedurft, aus diesem Hund ein Tier zu machen, mit dem in kürzester Zeit der Alltag zu einer alptraumhaften Katastrophe geworden wäre, denn die Anlagen dafür hatte er natürlich damals schon. Man konnte sie an der einen oder anderen Stelle auch schon sehr deutlich aufblitzen sehen.

Um kein falsches Bild entstehen zu lassen: All das, was mein Hund heute kann, hätten viele andere mit ihm auch hinbekommen. Gewisse Erfahrung und Voraussicht allerdings zwingend vorausgesetzt.

Mein Vorteil war schlicht und ergreifend, dass ich auf einen großen und jahrelangen praktischen Erfahrungsschatz zurückgreifen durfte.

Dieser Hund war nicht mein erster mit entsprechender Jagdleidenschaft, ich wusste sehr genau um die Talente und Probleme, die der Malinois mit sich bringt und auch um die Besonderheiten von bestimmten Herdenschützern.

Kurz – ich wusste, worauf ich mich einlasse.

Richtige Prioritäten gleich zu Beginn setzen

Ich habe mich damals sehr bewusst für diesen Hund entschieden, um dann ebenso genau unser erstes gemeinsames Jahr zu planen. Insbesondere, welche Dinge ich bei einem 1,5jährigen Rüden dieses Rasse-Mixes sehr schnell etablieren muss und welche Dinge auf der Liste warten können.

So war es mir u.a. sehr wichtig, dass ich ihn in jeder Situation (auch dem Lauf oder Spiel heraus) ins Platz schicken kann. Ein bombenfestes Platz. Damit ich ihm situationsbedingt die Sicht bzw. Übersicht nehmen kann.

Sitz war mir eher unwichtig – da kann er nämlich IMMER viel zu viel sehen. Was ungünstig ist bei einem Hund, der auf Bewegungsreize sofort anspringt.

Wichtig war mir auch, dass er vom ersten Tag an eine absolut saubere Leinenführung lernt, sich an mir  orientiert und Rücksprache hält. Weil ich mir im Dunkeln nämlich selbst nichts schlimmeres vorstellen kann, als einen Herdenschutzhund, der mit der körperlichen und geistigen Geschwindigkeit eines Malinois die Entscheidung trifft, wer sich noch auf der Straße aufhalten darf und in Kombi mit Bewegungsreizen plötzlich in den Jagdmodus schaltet!

Was nicht geht!

Es gibt aber auch Dinge, mit denen ich trotzallem leben muss. Zum Beispiel, dass dieser Hund ab der Dämmerung sich trotz allen Trainings so sehr in seiner Jagdleidenschaft verliert, dass er an der Leine bleiben muss. Das haben wir aber tatsächlich in dieser Form nur noch bei Wild und im Feld.

Ballspielen ist übrigens auch etwas, was dieser Hund nicht darf. Da reichen tatsächlich ein paar unreflektierte Würfe – und er ist die nächten Tage völlig unter Strom in Bezug auf sämtliche Bewegungsreize und dann nicht mehr ableinbar. Das ist also nicht zu unterschätzen!

Der jagdmotivierte Hund als Lebensaufgabe

Fifty ist für mich in beuteorientierten Situationen heute gut händelbar. Es wird allerdings nur so bleiben, wie es ist, wenn ich kontinuierlich an dem Thema dranbleibe.

Jagdverhalten ist nichts, was einfach aufhört, nur weil man ein Jahr trainiert hat. Oder zwei. Das ist eine lebenslange Aufgabe. Etwas, das einem in Fleisch und Blut übergehen muss – in aller Konsequenz.

Ersatzaufgaben

Zuletzt möchte ich noch anmerken, dass es aus meiner Sicht nicht hundegerecht ist, jagdpassionierte Hunde ausschließlich durch Training kontrollierbar zu machen. Sie müssen eine adäquate Ersatzaufgabe bekommen, die ihnen ermöglicht, ihre jagdlichen Talente bis zu einem gewissen Grad ausleben zu dürfen.

Bei uns ist das die Objektsuche.

Und weil Fifty für mich im Feld inzwischen zuverlässig ansprechbar bleibt und weiß, dass er Hasen und Rehe nur anschauen darf,  sind pirschen, vorstehen und Mäusesprünge heute erlaubt. Aber, und da bin ich ehrlich, das geht so nicht mit jedem Hund.

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Das Gehirn braucht auch ein NEIN!

Das Gehirn braucht auch ein NEIN!

Hektisch, rastlos, aufgewühlt…

Seit Jahren nimmt die Anzahl der nervösen, überdrehten und gestressten Hunde, die uns Hundetrainern vorgestellt werden, erschreckend zu. Das sind Hunde, die einem normalen Alltag kaum noch gewachsen sind.

Viele Hunde können ganz banale Dinge nicht mehr leisten

Zum Beispiel ruhig im Café unter dem Tisch zu liegen, ein paar Stunden gechillt alleine Zuhause zu bleiben, gelassen an Passanten, Joggern und Radfahrern vorbei zu gehen und nicht hysterisch kreischend jeden Artgenossen an der Leine zu kommentieren.

Ich finde es inzwischen tatsächlich schwierig, diesen ganzen völlig überforderten Hunden beim „Leben“ zuzuschauen. Oder bei dem, was ihr tägliches Leben ausmacht.

  • Wie sie keine Sekunde still sitzen können
  • Wie sie ihr Gehirn nicht den Bruchteil einer Sekunde auf einen festen Reiz fokussieren können. Weil hören, sehen, riechen – alles gleich WICHTIG, WICHTIG, WICHTIG ist!
  • Hunde zu erleben, die so reizüberflutet sind, dass sie nicht mehr zur Ruhe kommen.
  • Hunde, die verzweifelt versuchen, die Kontrolle zu behalten – und sie doch längst verloren haben.

Fehlendes hierarchisches Bewertungssystem von Reizen als Ursprung von Verhaltensauffälligkeiten

Das Thema der „durchgenallten“ Hunden ist tatsächlich ein ganz akutes Problem in unserer Gesellschaft geworden. Es werden immer mehr dieser „problematischen“ Hunde, die in den Hundeschulen auftauchen. Immer mehr Hunde, die permanent auf 180 sind. Immer mehr Hunde, die nervös oder hyperaktiv sind, angeblich unerziehbar oder launenhaft und aggressiv.

Dieser ungute Werdegang beginnt für viele Hunde leider schon als Welpe.

Was die meisten dieser Hunde in der Regel eint, ist die mangelnde Fähigkeit, Reize hierarchisch zu bewerten. Ganz simpel nach wichtig, nicht so wichtig, wenig wichtig und belanglos.
Es fehlt eine ganz klare und einleuchtende Struktur, mit dem Alltag und alltäglichen Begebenheiten umzugehen.

Ungefilterte Reize

Stell Dir vor, Du gehst raus auf die Straße und alle Eindrücke prasselten permanent & ungefiltert – mit der gleichen Wichtigkeit – auf Dich ein:

  • Jede Bewegung eines jedes Menschen, der an Dir vorbeigeht.
  • Jeder Schatten, der vorbeihuscht. Jedes Blatt, das flattert.
  • Und überhaupt – wie sehen die anderen Menschen eigentlich alle aus? Haben die einen Hut auf? Eine Mütze? Einen Regenschirm bei sich? Ist die Jacke grün oder rot? Nehmen die gerade die Hände aus der Tasche? Oder stecken sie sie rein? Schneuzen die sich? Stolpert da gerade jemand?
  • Jedes Geräusch: Jede bremsende Straßenbahn, jeder bremsendes Auto, das Signal von der Ampel, wenn sie auf „grün“ springt, die Klingel des Eiswagens, das Gekreische der Katzen, die sich einen Block weiter streiten, das Martinshorn von Krankenwagen, Feuerwehr oder Polizei.
  • Jeder Geruch, der vorbeizieht. Von der Dönerbude, von der Pizzeria, vom Bäcker bis hin zum gammeligen Müllberg neben der Parkbank und zur Deomarke des Sitznachbarn im Bus.

Eigentlich unvorstellbar, oder? Der absolute Super-GAU für unser Gehirn!

Reizbewertung zu vermitteln, ist ein Erziehungsauftrag

Weil unser Gehirn mit solch einem Super-Gau nicht gut umgehen kann, haben unsere Eltern uns von klein auf tatsächlich etwas ganz wichtiges beigebracht: NEIN.

NEIN, das ist jetzt nicht wichtig.
NEIN, das machst Du jetzt nicht.
NEIN, Du machst jetzt genau das, aber nicht das andere.
NEIN, Du musst auf die grüne Ampel warten – auch wenn der Eiswagen dann weg ist. Shit happens. Gibt’s das Eis vielleicht morgen. Jedenfalls nicht jetzt.

Was unsere Eltern mit ihrem simplen „NEIN“ getan haben, ist ein unglaubliches Geschenk für unsere Gehirnentwicklung. Nämlich wichtige von unwichtigen Reizen zu unterscheiden.
Damit wir nicht irre werden, damit wir Prioritäten setzen können, sinnvolle Entscheidungen treffen, überlegt handeln – und uns eben gerade nicht in völliger Reizüberflutung verlieren!

Action statt Reizbewertung

Für viele Hundehalter scheint dieses simple Prinzip aber leider noch nicht angekommen zu sein.
Da wird stundenlang am Problem vorbei bespaßt, Bälle geworfen, Suchspiele gemacht, Tricks geübt – alles im Sinne der Auslastung. Damit Waldi endlich aufhört, alle anderen Hunde anzuschreien, Menschen zu beißen, endlich mal Ruhe gibt, anstatt lautstark das Haus zusammen zu kläffen, wenn er mal 20 Minuten alleine bleiben muss.
Statt „nein“, Ruhe und Struktur gibt es noch mehr Reize. Alternative Reize. Noch mehr Hochpuschen, noch mehr Action.

Nur eins gibt es nicht: Pause. Zeit zum Nachdenken. Zeit, die Synapsen im Hirn sinnvoll – und mit VERSTAND – zu verbinden.

Einen überdrehten, reizüberfluteten Hund durch noch mehr Reize zur Ruhe zu bekommen, das funktioniert nicht. Es ändert nichts an seinem Problem.

Lasst dieses emotionale Chaos bei euren Hunden doch einfach von vornherein nicht zu. Es ist eure Aufgabe als Hundehalter, das Gehirn eures Vierbeiners zu ordnen. Nicht, ihn zu einem psychischen Wrack zu machen. Ein NEIN an der richtigen Stelle ist euer ganz persönlicher Beitrag zur seelischen Gesundheit eures Hundes.

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Der unbeschränkte Welpe – Dein Problemhund von morgen

Mach Dir keine Vorsätze. Triff Entscheidungen!

Mach Dir keine Vorsätze. Triff Entscheidungen!

Ich blicke zurück auf das vergangene Jahr… und ich weiß nicht, ob dieser Beitrag überhaupt um Hunde geht?
Irgendwie schon, auf der anderen Seite nicht: Denn es geht um Entscheidungen. Das A und und O im Leben eines jeden Menschen – und das, was unsere Vorsätze von Entscheidungen unterscheidet.
Die Vorsätze kennen wir alle zum Jahreswechsel – Ziele, die man erreichen möchte. Watteweich und glorifiziert als utopisches Ergebnis definiert:

15 Kilo abnehmen, mehr Sport, weniger Fastfood, mit dem Rauchen aufhören, dem jahrelang ziehenden Köter endlich die Leinenführigkeit beibringen…

Kennnen wir alle, lachen müde drüber und wissen ohnehin, dass es beim Silvestervorsatz bleibt. Mit Vorsätzen kann man insbesondere zu dieser Jahreszeit unbehelligt um sich werfen. Es fragt in zwei Wochen ohnehin keiner danach, ob man sich daran halten wird.

Aber was ist mit Entscheidungen? Warum tun wir uns so schwer, Entscheidungen für uns selbst zu treffen? Denn Entscheidungen sind es ja, die uns ein befreites Leben ermöglichen, nicht die Vorsätze über belanglose Dinge.

Entscheidungen machen frei. Und je mehr Entscheidungen Du für Dich triffst, desto weniger Angst werden sie Dir in unsicheren Situationen machen.
Weniger Angst übrigens auch, einmal eine falsche Entscheidung zu treffen. Denn falsche Entscheidungen sind vorallem eins – etwas, das Du beim nächsten Mal anders machen kannst. Ein Hinweis darauf, dass Du noch einmal nachdenken musst, Dinge verändern solltest, in Dich gehen. Um es dann gar nicht unbedingt „besser“ zu machen, sondern manchmal einfach nur auf einem anderem Weg zu probieren.

Falsche Entscheidungen sind aber eins nie: Ein Hindernis für die Zukunft.
Denn auch eine falsche Entscheidung sagt Dir ja etwas. Du hast Dir in diesem Moment dabei etwas gedacht. Es gab Gründe, warum Du diese Entscheidung genau so getroffen hast, wie Du sie getroffen hast. Es gab Gründe, warum Du so gehandelt hast, wie Du es getan hast.

Eine falsche Entscheidung ist trotzdem immer das, was Dich von denen unterscheidet, die gar keine Entscheidung treffen. Denn gar keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Darüber, dass alles so bleibt, wie es ist. Oder dass einfach andere die Entscheidung für Dich treffen werden. Ohne Mitspracherecht für Dich.

Entscheidungen sind das, was das eigene Leben lebenswert machen.
Es gibt immer eine Wahl. Nicht die Versprechung auf das Ideal, aber die Möglichkeit, nicht verharren zu müssen. Beweglich zu bleiben. Aktiv Veränderungen zu bewirken. Vielleicht erst in kleinen, zögerlichen Schritten – bis einem irgendwann die 7-Meilen-Stiefel passen.
Die 7-Meilen-Stiefel für das eigene Leben. Nicht das Leben, von dem man meint, dass es andere von einem erwarten. Was man ja auch meist nur glaubt, weil man die anderen nie gefragt hat…

Aber die Option auf 7-Meilen-Stiefel ist doch eine schönere Vorstellung, als mit eingeklemmten Zehen für den Rest seines Lebens in viel zu kleinen Kinderschuhen laufen zu müssen, oder?

Und ich finde, dass es unseren Hunden auch so geht.

Wenn ihr Entscheidungen mit und für sie trefft, dann können sie wachsen. An euch, an den Herausforderungen des Lebens, an euren Glauben an euch, dass ihr ihnen den Weg weist. Wenn sie an eure Zuversicht glauben dürfen, dass auch eine falsche Entscheidung kein Beinbruch ist – dann bleibt eine falsche Entscheidung auch einfach nur das: Ein Stolperstein auf den Widrigkeiten des Lebens. Kein Geröllschlag, der das Dasein noch schwerer macht.

Die Zuversicht in die eigenen Entscheidungen ist das, was eure Hunde an euch lieben. Nicht der Vorsatz, etwas besser machen zu wollen, die Trainingsphilosophie, die in eurem Kopf herumgeistert oder die Angst davor, einen Fehler zu machen. Schaut auf euch, euren Hund – und handelt. Mit Herz, Bauch und Verstand.

Und glaubt mir: Ein fehlerfreies Leben mit Hund ist genauso utopisch wie zuverlässig das Wetter vorausssagen zu wollen. Es geht nicht.

Ich wünsche euch euch allen ein tolles und entscheidungsreiches Jahr 2020!

Sozialverhalten lernen in der Welpenspielstunde? Geht das?

Sozialverhalten lernen in der Welpenspielstunde? Geht das?

Ein gutes Sozialverhalten unter Hunden ist das, was die allermeisten Hundehalter sich wünschen, wenn sie sich einen Welpen anschaffen.
Dazu gehen sie unter anderem auch in eine Welpenstunde.
Hier sollen die Kleinen lernen, sich untereinander gut und angemessen zu verhalten.

Der Alltag und die Sozialverträglichkeit

Der Alltag eines jeden Hundebesitzers ist, zumindest in der Stadt, recht einfach beschrieben.
Man geht raus und trifft an jeder Ecke einen Hund. Kleine Hunde, mittlere Hunde, große Hunde. Hunde jeglicher Rasse, jeglichen Alters, Charakters und gesundheitlicher Zustände.

Nun. Und hier fängt es an mit der angeblichen Sozialverträglichkeit.
All diese verschiedenen Hunde müsste ein gut sozialisierter Hund jetzt angemessen einschätzen können:

Will der andere überhaupt Kontakt? Wenn ja, auf welche Art will er den Kontakt? Möchte der zur Begrüßung wirklich über den Haufen gerempelt werden? Oder will der vielleicht nur einen ganz kurzen, höflichen „Guten Tag“ austauschen und dann unbehelligt seiner Wege gehen?

Wunsch oder Wirklichkeit?

Hier beginnt der Punkt, an dem Wunsch  und Wirklichkeit ganz häufig aufeinanderprallen.
Man könnte auch vom Urknall aller Probleme im Alltag von Hundehaltern sprechen.
Denn in der Stadt sind die Möglichkeiten für Freilauf recht begrenzt. Zum Freilauf treffen sich alle Hundehalter an den selben Plätzen. Und jeder bringt seinen Vierbeiner mit. Den kleinen, den großen, den alten, den kränklichen, den sensiblen, den draufgängerischen Hund.

Damit das überhaupt einigermaßen konfliktfrei funktionieren kann, brauchen wir bei dieser Hundedichte auf begrenztem Raum vor allem Hunde, die den anderen Artgenossen in seiner Befindlichkeit, in seiner Körperlichkeit und seinem Wesen wahrnehmen können.

Der ganz normale Wahnsinn

Die Realität sieht jedoch meist ganz anders aus.

Da werden Artgenossen gejagt, gemobbt und ohne Rücksicht auf Verluste über den Haufen gerempelt. Mit Hundehaltern dabei, die entweder nicht in der Lage sind einzugreifen oder, das ist das erschreckende, meistens nicht einmal erkennen, was ihre Hunde da eigentlich tun. Mit Spiel haben diese Treffen häufig überhaupt nichts zu tun.

Im Gegenteil werden auf diese Art Hundebegegnungen für viele Vierbeiner zu reinem Stress.

Für Spiel gibt es Regeln

Die wichtigste Regel lautet: Ein Spiel ist nur solange ein Spiel, wie alle Beteiligten gleichermaßen Freude daran haben. In der Interaktion miteinander, in der Art, wie sie miteinander umgehen, in der Körperlichkeit, wie sie von beiden angemessen in Abgleich zum Wohlbefinden des anderen eingesetzt wird. Findet das einer doof, ist es kein Spiel mehr. Punkt.

Spiel ist es überhaupt nie, wenn nur einer auf Kosten des anderen Spaß hat. Oder mehrere auf Kosten eines einzelnen.

Rumrempeln und den anderen ungefragt über den Haufen zu bollern, ist ohnehin weder ein Spiel, noch eine adäquate Kontaktaufnahme. Da probiert sich einer körperlich auf Kosten des anderen aus. Und ja, auch viele Welpen versuchen das schon mit ihren kleinen Kollegen. Der eine mehr, der andere weniger. Das nimmt man zur Kenntnis – und dann unterbindet man das!

Einen Hund zur Sozialkompetenz zu erziehen ist Arbeit

Und es ist Arbeit von Welpenbeinen an.

Einen sozialverträglichen Hund für den Alltag zu bekommen, heißt tatsächlich genau eins überhaupt nicht:
Dass mein Welpe in der Welpenstunde so viel Freispiel und Freiraum wie möglich bekommt. Weil er gerade Lust auf Spiel hat. Genau so und auf die Art, wie er das gerne möchte.

Es bedeutet stattdessen, seinen Welpen sehr gut zu beobachten, ihn klar zu unterbrechen, wo er sich auf Kosten eines anderen „vergisst“ oder sogar gezielt dessen Befindlichkeiten ausblendet. Das gilt übrigens auch gegenüber seinen und anderen Menschen, nicht nur für Artgenossen!

Seinen Hund nicht zu unterbrechen heißt, seinem Hund das Lernen von Umgangsregeln und Sozialkompetenz vorzuenthalten.

Man erzieht sich stattdessen einen egoistischen sozialen Krüppel. Schlimmstenfalls einen, der als Erwachsener durchaus gefährlich für seine Artgenossen oder Menschen wird.

Gesundheitliche Aspekte

Keine klare Einflussnahme auf völlig unangemessenen und ungebremsten Körpereinsatz im Spiel kann im übrigen auch gravierende gesundheitliche Auswirkungen haben.

Die Gelenke und Knochen sind in diesem Alter noch weich und besonders stoßanfällig. Verletzungen, die in diesem Alter stattfinden, manifestieren sich häufig zu lebenslangen Sollbruchstellen. Sowohl bei dem, auf den draufgeknallt wird als auch bei dem, der nur mit Wucht und Anlauf in die anderen reinballert.

Auswirkungen von ungeregeltem Welpenspiel

Es sollte nicht unterschätzt werden, was sich Welpen schon alles merken.

Die wissen schon nach der erste Welpenstunde, welcher Hundekollege sich ihnen gegenüber wie verhalten hat und ob sie den cool finden oder doof.

Das führt, unkommentiert und ungeregelt, bei vielen Hunden schon in diesem Alter dazu, dass mancher aus lauter Verzweiflung nachher alles an Aggressionsverhalten rausholt, was er rausholen kann, um sich sämtliche Artgenossen vom Leib zu halten. Er hat als Opfer gelernt, dass  Angriff die beste Verteidigung ist.

Und was hat der Draufgänger gelernt?
Er hat gelernt, dass nur seine Wünsche zählen und ihn die Befindlichkeiten des anderen nicht interessieren. Alle sollen nach seiner Pfeife tanzen.

Wünschenswert kann das alles nicht sein.

Regeln in der Welpenstunde

Dieses Thema wird bei uns sehr klar vermittelt und umgesetzt. Es bestehen ganz eindeutige Regeln.

  • Wer nur rempeln kann, muss etwas anderes lernen.
  • Wer nur jagen kann, muss etwas anderes lernen.
  • Wer nur raufen will, muss etwas anderes lernen.
  • Wer nicht hinhören kann, was der andere sagt, muss etwas anderes lernen.

Wenn es vom Wesen und der Körperlichkeit passt, darf man an der einen oder anderen Stelle natürlich auch einmal etwas laufen lassen. Es macht aber keinen Sinn, von einem unsicheren und sensiblen Welpen zu verlangen, er solle sich nur mal ordentlich gegen die Rüpel zur Wehr setzen.

Es ist ebenso unsinnig, zwei potenzielle Raufbolde einfach unkommentiert agieren zu lassen; denn die proben jetzt schon, was euch später mit eurem Hund ins Abseits stellt: Es wird keine entspannten Hundebegegnungen mehr geben.

Können sich groß und klein verstehen?

Ja. Es ist möglich. Bei den meisten zumindest.

Es ist nur deutlich mehr Mühe. Mehr Mühe, bei den Kleinigkeiten hinzuschauen. Der Wille, seinem Hund schon als Welpe beizubringen, dass er sich anpassen muss. Der Wille, seinem vierbeinigen Panzer mitzuteilen, dass er auch etwas anderes lernen muss. Nämlich vorsichtig zu sein, wenn jemand anders vorsichtig behandelt werden will.

Genau das ist die Herausforderung für jeden Welpenbesitzer.

Freut euch nicht an dem „Spiel“ zwischen zwei Bulldozern. Freut euch nicht, wenn ein ängstlicher Welpe plötzlich verzweifelt schreiend und schnappend in Gegenwehr geht. Das ist nicht witzig.
Übt, dass euer Hund echte Umgangsregeln lernt.

Denn genau das macht das aus, was ihr im Alltag braucht.
Jeden Tag. Sobald ihr rausgeht. In jeder einzelnen Hundebegegnung.