Hilfe! Mein Welpe beißt!

Damit das Zusammenleben klappt, muss schon Dein Welpe lernen, seine Zähne vorsichtig zu benutzen. Ein Hund, der nie gelernt hat, seine Zähne kontrolliert einzusetzen, kann nämlich schnell gefährlich werden.

Das gilt besonders, wenn in Deinem Haushalt Kinder leben: Du solltest als Hundehalter also großen Wert darauf legen, von Beginn an mit Deinem Welpen an seiner Beißhemmung zu arbeiten.

Und auch im Umgang mit Artgenossen kann aus einem Spiel im Hand umdrehen ernst werden, wenn einer der beiden sein Gebiss nicht angemessen unter Kontrolle hat und dem anderen weh tut.

Was genau ist eine „Beißhemmung“ überhaupt?

Bei dem Begriff Beißhemmung könntest Du als Welpenbesitzer naheliegend erst einmal vermuten, der Welpe solle lernen, gar nicht zu beißen. Tatsächlich ist das aber nicht so gemeint, sondern der Ausdruck bedeutet, dass ein Hund seine Zähne kontrolliert (also gehemmt) einzusetzen lernt.

Beißhemmung heißt, dass ein Hund die Intensität seines Beißens angemessen zu kontrollieren lernt und diese Intensität der Situation entsprechend und abgestuft einsetzen kann.

Mit Beißhemmung ist also gemeint, dass Dein Hund lernt, nicht unkontrolliert, enthemmt oder zügellos zuzubeißen und nicht, dass er nie beißt.

Die Beißhemmung selbst ist beim Hund nicht angeboren. Sehr wohl aber die Fähigkeit, sie im Verlaufe seiner Entwicklung ausbilden zu können. Das bedeutet grob gesagt, dass zwar jeder Hund theoretisch eine Beißhemmung lernen kann, sie aber an weitergehende (erzieherische) Lernprozesse gebunden ist.

Das Problem: Diese Anlage muss sehr früh erzieherisch gefördert werden. Sonst verkümmert sie und der Hund kann später keine gezielt graduelle Abstufungen des Zubeißens umsetzen.

Wann beginnt das Erlernen der Beißhemmung unter Hunden?

Das Erlernen der Beißhemmung beginnt schon früh – und zwar mit ca. der 4. Lebenswoche:

Die Welpen werden in diesem Alter mobil, sie spielen mit ihren Wurfgeschwistern und ihrer Mutter.

Und das geht teilweise ganz schön ruppig zu. Es wird untereinander gezwickt, gezwackt, gequiekt und geschrieen, in Ohren, Ruten, Pfoten oder Lefzen gekniffen – mit den enstsprechenden Reaktionen:

Wer zu doll zwickt, wird zurückgebissen. Die Welpen lernen hier also schon, dass es vom anderen bestraft und sanktioniert wird, wenn man zu doll beißt und machen gleichzeitig die Erfahrung, dass es einem selbst auch weh tun wird, wenn man sich nicht zu kontrollieren lernt.

Und wer sich nicht kontrollieren kann, ist als Spielpartner dann einfach auch nicht besonders beliebt und wird in Zukunft schlicht nicht mehr so häufig zum Spiel aufgefordert.

Auch die Mutterhündin hat ein Wörtchen mitzureden und erklärt ihrem Nachwuchs klar und angemessen, wo ihre Schmerzgrenze erreicht ist und sanktioniert deutlich, wo ihre Sprösslinge sich zurück zu nehmen haben. Sie wird sich auch in Streitigkeiten ihrer Welpen einmischen, wenn diese ein zu tolerierendes Maß überschreiten.

Eine erfahrene Mutterhündin wird ihre Sanktionen auch jedem ihrer Welpen gegenüber angemessen einsetzen: Bei dem renitenten Draufgänger mehr, bei dem Sensibelchen weniger.

Wer als zukünftiger Welpenhalter das Glück hatte, seinen Welpen vorab im Zusammenspiel mit der Mutter und den Geschwistern beobachten zu dürfen und Sanktionsmaßnahmen schon in der Zeit zwischen der 4. und 8. Lebenswoche vor der Übernahme gesehen hat, der wird sich später weniger Gedanken darüber machen, ob er seinen Welpen unterbrechen darf, sollte dieser mit seinen Zähnen einmal zu doll werden.

Problematisch kann es allerdings werden, wenn eine sehr sanfte, unerfahrene oder aus anderen Gründen ihrem Wurf nicht gewachsene Mutter auf die angemessene Erziehung ihres Nachwuchses verzichtet und sich lieber regelmäßig aus der Erziehung heraus zieht. Oder herausgezogen wird, weil der Mensch es nicht ertragen kann, dass sie ihren Nachwuchs reglementiert…

Letzteres passiert leider immer mal wieder bei Hundebesitzern, die einen Wurf mit ihrer eigenen Hündin und dem Nachbarsrüden oder der Gassibekanntschaft gemacht haben, aber nicht über die notwendigen Kenntnisse über Aufzucht, Hundeverhalten & Früherziehung verfügen.

Das ist ernsthaft fatal, weil diese Form des Erziehens und des Eingliederns in ein soziales Rahmensystem von Hunden untereinander kaum vom Menschen aufgefangen bzw. adaptiert werden kann: Welpen brauchen eine erzieherisch tätige Mutter!

Ein guter Züchter wird im Zweifel deshalb auch für erziehende vierbeinige Tanten oder Onkel sorgen, sollte die Mutterhündin – aus welchen Gründen auch immer – dieser Aufgabe nicht vollumfänglich gewachsen sein.

Maßregelung eines Welpen

Körpersprachliche Reglementierung eines Welpen durch einen erwachsenen Hund (u.a. mit fixierendem Blick und vorwärtsgerichteter Körperhaltung – aber ohne direkten Körperkontakt). Der Welpe zeigt Demutsverhalten.

Beißhemmung gegenüber dem Menschen

Das Einüben einer adäquaten Beißhemmung gegenüber dem Menschen sollte mit den 1. Schritten auch schon beim guten Züchter beginnen und nicht erst, wenn der Welpe mit 8 oder 9 Wochen  bei seinem neuem Halter einzieht.

Verhalten sich Welpen ständig völlig ungehemmt aggressiv gegenüber Menschen, sollte dies ein Warnzeichen für Dich als Käufer sein: Die Vermutung liegt nahe, dass sich der Welpenverkäufer zu wenig um seine Welpen gekümmert und sich nicht genügend sozial & erzieherisch eingebracht hat.

Ein seriöser & verantwortungsvoller Züchter zieht seine Welpenwürfe mit Bedacht auf und kümmert sich um die Frühsozialisierung. Zu seinen Aufgaben gehören u.a.:

  • den Welpen mitzuteilen, wenn sie mit ihren Zähnen zu heftig in den Menschen als Sozialpartner zwacken
  • mit ihnen notwendige Zwangsmaßnahmen zu üben wie z.B. wiegen lassen ohne Gestrampel, Gekeife und hysterisches Um-sich-Gebeiße, Ohren-, Augen- und Maulkontrolle oder (je nach Rasse) bestimmte Fellpflegmaßnahen zu simulieren
  • die Welpen an Geräusche, verschiedene Untergründe und unterschiedliche Menschentypen zu gewöhnen
  • die ersten Schritte zur Stubenreinheit zu etablieren
  • den Hundekäufern einen Welpen entsprechend ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen zuzuordnen

Ein guter Züchter sucht also  im Zweifel für seine Interessenten tatsächlich den passenden Welpen aus seinem Wurf aus. Und nicht der Interessent den Hund, den er am niedlichsten findet. Vielleicht bekommst Du also aus einem Wurf gar nicht Deinen „Wunschwelpen“, wenn der Züchter befürchtet, dass Du als Käufer für dieses Hundekind entsprechend seiner rassetypischen und/oder persönlichen Wesensmerkmale nicht der passende Halter sein könntest.

Ein erfahrener Züchter weiß, welche Probleme u.a. durch eine mangelhafte und nicht weiter trainierte Beißhemmung später ausgelöst werden und welche Gefahren sich daraus ggf. für Dich, Deine Familie, Kinder oder Dritte ergeben können. Es ist nicht in seinem Interesse, dass Hunde aus seiner Zucht sich in den unpassenden Händen zu Problemfällen entwickeln.

Das ist auch genau das, was einen guten Züchter vom Vermehrer oder auch Oops-Wurf-Macher klar unterscheidet!

Wichtige Info:

Durch die vielen angeschafften Welpen in der derzeitigen Corona-Pandemie haben viele Hundeschulen und Hundevereine kaum freie Plätze in den Welpengruppen! Solltest Du als Welpenhalter nicht gleich einen Platz bekommen und hast schon ernsthafte Probleme mit Deinem „schnappigen“ Welpen, dann frag bitte auf jeden Fall Deinen Züchter um Hilfe: Der ist dann Dein erster Ansprechpartner und wird Dir auch gerne zur Seite stehen!

Mit entsprechender Vorarbeit und Voraussicht hat Dein Züchter Dir und Deinem Welpen schon einmal die bestmöglichen Startbedingungen in euer gemeinsames Leben geschaffen; denn Dein Hundekind hat erste Grenzen, Regeln und soziale Gepflogenheiten im Umgang mit dem Mensch ja bereits kennengelernt.

Ab dem Tag der Übergabe ist es nun Deine Aufgabe als frischgebackener Welpenbesitzer, an einer angemessenen Beißhemmung weiter zu arbeiten.

Bis zu welchem Alter sollte ein Welpe die Beißhemmung gelernt haben?

Mit spätestens 18 Wochen solltest Du mit Deinem Welpen weitestgehend durch sein mit den unkontrollierbaren Attacken auf Dich und/oder Familenmitglieder. Denn genau in diesem Zeitfenster, also von der 4. bis zur max. 18. Woche, wird eine adäquate Beißhemmung von Hunden optimal gelernt.

Du hast also als Mensch nur begrenzt Zeit, mit Deinem Welpen den vorsichtigen Einsatz seiner Zähne zu trainieren. Zögerst Du das hinaus, kann es sein, dass Dein Welpe später nicht mehr oder nur schwer lernt, die Intensität seiner Bisse gegenüber Menschen zu kontrollieren.

Trotzdem wird er sich auf dem Weg dorthin immer mal wieder mal wieder vergessen – und Dich oder Familienmitglieder schmerzhaft zwicken: Das ist normal und Du wirst ihn recht häufig wieder daran erinnern müssen, dass er vorsichtiger sein muss.

Welche Ratschläge man findet und wie sinnvoll diese sind

Klar und einheitlich sind die meisten Empfehlungen bei diesem Punkt: Wird der Welpe zu doll, gibst Du z.B.ein akkustisches Abbruchsignal wie z.B. „nein“ und sollst dann das Spiel sofort kurz abbrechen. Aber wie ist denn so ein Spielabbruch überhaupt herbeizuführen?

Im Folgenden liste ich Dir eine Reihe verbreiteter Ratschläge, Tipps und Maßnahmen auf, die Du als Welpenhalter überall in Hundebüchern oder Internetforen in Bezug auf das Erlernen der Beißhemmung stößt oder auch von anderen Hundebesitzern erhältst.

– Vor- und Nachteile bestimmter Trainingsansätze und Hilfsmittel –

Um eine blauäugige Umsetzung zu verhindern, möchte ich Dich bei jeder einzelnen Methode auf die Vorteile, die Nachteile und potenziellen Gefahren aufmerksam machen und Dir die Möglichkeit geben, bestimmte Trainingsansätze für Dich und Deinen Welpen richtig einzuordnen.

Grundsätzlich sollte der richtige Weg für Dich und Deinen Hund immer ganz individuell abgestimmt werden und sich sowohl am Alter als auch an der Persönlichkeit Deines Welpen orientieren – es ist nicht jede Maßnahme für jeden Welpen geeignet! Halte also im Zweifel lieber Rücksprache mit Deinem Züchter und/oder einem Hundetrainer, bevor Du irgendwelche Tipps umsetzt.

1. Du zwickst zurück. Dabei imitierst Du quasi das sanktionierende Verhalten der Mutter oder Welpengeschwister.

  • Vorteil: Richtig und mit der angemessenen Intensität durchgeführt, lernt der Welpe sehr effektiv und schnell, seine Zähne gehemmter einzusetzen.
  • Nachteil: Passen Timing und Intensität nicht, kann es sein, dass Dein Welpe sich entweder noch mehr hochpuscht (Intensität zu niedrig) oder Du ihn unangemessen einschüchterst (Intensität zu hoch)
  • Form: hundlich/menschlich. Auch Kinder kneifen untereinander  im Zweifel mal zurück, wenn der Spielkamerad zu doof wird und einem weh tut.

    2. Dein Welpe erhält eine Auszeit. Du nimmst ihn bei zu heftigem Beißen sofort aus der Situation und verfrachtest ihn kurz (!) in seine Box, ein anderes Zimmer oder machst ihn auf seinen Platz fest.

    • Vorteil: Du musst Dir über die Intensität einer (körperlichen) Sanktionierung keine Gedanken machen
    • Nachteile: Bekommst Du Deinen Welpen nicht gleich zu fassen und er macht mit Dir dann ein lustiges ein Fang-mich-Spiel daraus, belohnst (!) Du ihn stattdessen für sein Beißen und zeigst ihm , dass er sich nicht von Dir korrigieren lassen muss.
    • Form: Rein menschlich. Es nimmt kein Hund einen anderen und setzt ihn für unangemessenes Verhalten in ein anderes Zimmer oder in eine Box. Ein erwachsener Hund wird einen zu freche Welpen stattdessen durch klare Körpersprache und aggressive Kommunikation wie z.B. knurren und Zähne zeigen dazu veranlassen, sofort aufzuhörensich oder sogar von vornherein auf Abstand zu bleiben.

    3. Du ignorierst Deinen Welpen in seinen Schnappattacken. Du tust also so, als würde Dein Welpe Dich nicht schmerzhaft zwicken und an Deinem Hosenbein hängen.

    • Vorteil: Aus meiner Sicht für den Hundeanfänger keiner vorhanden, weil das bewusste Unterdrücken von Schmerzreaktionen vorab selbst eines gar nicht so einfachen Trainings- und Lernprozesses desjeniegen bedarf, der dies gegenüber einem anderen (in diesem Fall  Welpen) gezielt einsetzen will. Die Absicht ist, den Welpen ins Leere laufen zu lassen. Kann aber bei sehr souveränen, klar agierenden Menschen durchaus situativ erfolgreich gegenüber einem Hund eingesetzt werden.
    • Nachteile: Zeigst Du doch entsprechend Reaktionen, bestärkst Du Deinen Hund vielleicht sogar in seinem Verhalten. Hast Du zudem eine Hunderasse, bei der das Kneifen oder Packen züchterisch und genetisch gewollt ist (bestimmte Hüte- oder Jagdhunde, Treibhunde oder Terrier), öffnest Du im Zweifel die Büchse der Pandora – denn das Zubeißen an sich ist dann ohnehin schon selbstbelohnend und wird sich dann schlicht zukünftig nur verschlimmern. Frage allerdings: Warum sollte ein Mensch seinem Hund überhaupt die Information vorenthalten, wenn er einem weh tut?
    • Form: menschlich/hundlich: Auch manche sehr souveräne Hunde „ignorieren“ durchaus gelegentlich Attacken und lassen den anderen ins Leere laufen – allerdings nur, insofern es sich ohnehin um ein unterlegenes, nicht wirklich ernstzunehmendes Gegenüber handelt. Das hat aber trotzdem ein Ende, sobald die eigene Schmerzgrenze erreicht ist (es lässt sich auch der coolste Hund nicht dauerhaft ohne Gegenwehr von einem anderen schmerzhaft an den Lefzen ziehen, in den Bauch beißen oder gar verprügeln). Das gleiche gilt für den Menschen.

    4. Den Welpen ablenken, wenn er Dich beißt. Das heißt, Du holtst z.B. ein Futterstück oder Spielzeug in dem Moment heraus, wenn Der Welpe Dich zwickt oder zwicken will.

    • Vorteil: Du kannst sein Verhalten sehr schnell von Dir ab- und auf ein anderes Objekt umlenken.
    • Nachteile: Wenn Du Pech hast, verstärkst Du die Welpenattacken Deines Hundekindes mit dieser Strategie sehr schnell, wenn es eine Verhaltenskette mit seinem Zwicken und Deiner „Ablenkung“ assoziiert: Du belohnst Deinen Welpen dann für sein unerwünschtes Verhalten. Was der Welpe hier nicht unbedingt lernt, ist seine Zähne vorsichtiger einzusetzen, also genau das, was eine Beißhemmung genau genommen meint. Er beißt einfach woanders rein.
    • Form: rein menschlich. Kein Hund zaubert ein Futterstück oder Spielzeug aus seinem Fell, um einen anderen daran zu hindern, ihn zu doll zwicken oder zu beißen.

    5.  Lautes „Aua“- Schreien und Imitation von Welpenschmerzlauten. Der Welpe soll vom Menschen ablassen, wie er das bei Wurfgeschwistern tun würde.

    • Vorteil: Du musst eigentlich nicht mehr tun, als Deiner ganz normalen Schmerzreaktion Ausdruck zu verleihen. Funktioniert prima bei Hunden, die vorab schon entsprechend klare Sozialisierungsprozesse durch Mutter, Welpengeschwister und Züchter (vor)erfahren haben.
    • Nachteile: Funktioniert nicht gut bei Hunden, ohne Vorerfahrungen inkl. sanktionierender Konsequenzen. Lautes Quietschen kann manche Welpen im Gegenteil sogar aufpuschen. Auf Schmerzlaute eines Gegenübers sozial adäquat mit Abbruch bzw. vorsichtigerem Zähneeinsatz reagieren zu können, ist schlicht schon ein Ergebnis von Erziehung – in der Regel aus dem ersten Punkt: Zwicken und zurück gezwickt werden!
    • Form: hundlich/menschlich

    6.  Den Raum sofort verlassen, wenn der Welpe zu doll zwickt.

    • Vorteil: Du kannst Dich selbst sehr schnell der Situation entziehen und damit weitere Beißattacken erst einmal unterbrechen.
    • Nachteil: Bestimmte Hundetypen können hierbei auch eine ungünstige Strategie für ihr späteres Leben entwickeln – nämlich, wie man Menschen auf Abstand schickt, wenn einem etwas nicht gefällt. Das kann vor allem dann passieren, wenn Du Dich eher unsicher aus der Situation heraus ziehst, statt klar und souverän.
    • Form: Eher menschlich. Zwar kann auch eine Mutterhündin gelegentlich einmal auf Abstand zu ihrem Nachwuchs gehen, wenn er ihr zu sehr auf die Nerven geht, aber in Bezug auf die Beißhemmung gehört zu ihrem Erziehungsauftrag vor allem das Beibringen hündischer Kommunikation. Also vom Knurren über das Naserunzeln bis hin zu einem erzieherischen Biss bzw. Über-den-Fang-Greifen. Auf diese Weise lernt der Nachwuchs eine graduierte Abstufung von Warnungen (knurren, Naserunzeln, Lefzen hochziehen und Zähne zeigen) bis hin zur Erfahrung, dass es für ihn Konsequenzen hat, wenn er auf Warnungen nicht reagiert (u.a. dann Beißen).

    7.  Deinen Welpen mit dem sog. Schnauzengriff bestrafen. Dabei imitierst Du auch hier quasi Sanktionsmaßnahmen der Mutterhündin

    • Vorteil: Richtig und mit der angemessenen Intensität durchgeführt, lernt der Welpe sehr effektiv und schnell, seine Zähne gehemmter einzusetzen.
    • Nachteil: Passen Timing, Durchführung und Intensität nicht, kann es sein, dass Dein Welpe sich entweder noch mehr hochpuscht (Intensität zu niedrig) oder Du ihn unangemessen einschüchterst (Intensität zu hoch). Das korrekte Über-den-Fang-Greifen ist für viele Hundehalter erfahrungsgemäß m.M.n. nicht gut umsetzbar; es ist aus Menschensicht oft zu abstrakt, weil wir selbst keinen Fang entsprechend eines Hundes besitzen.
    • Form: Eher hundlich.

    8.  Den Welpen mit einem Spritzer aus der Wasserpistole unterbrechen oder ihm eine Schepperdose vor die Füße werden, wenn er zu doll mit den Zähnen wird.

    • Vorteil: Mit dem passenden Timing sowie angemessener Intensität durchgeführt, lernt der Welpe sehr effektiv und schnell, seine Zähne gehemmter einzusetzen.
    • Nachteile: Passen Timing und Intensität nicht, kann es sein, dass Dein Welpe sich entweder noch mehr hochpuscht (Intensität zu niedrig) oder Du ihn unangemessen einschüchterst (Intensität zu hoch). Schepperdosen bergen darüber hinaus die große Gefahr, dass Du Deinen Welpen geräuschempfindlich machst und er später auf ähnliche Geräusche mit Furcht reagiert wie z.B. den Toaster, das Schließen von Jalousien, die Leerung von Glascontainern etc. pp – und das kann ein wirklich ernsthaftes Lebensthema begründen! Hilfsmittel jeglicher Art können darüber hinaus dazu verführen, sie inflationär einzusetzen und die eigene soziale Erzieherrolle nicht mehr ernsthaft wahrzunehmen.
    • Form: Rein menschlich. Hunde spritzen weder mit Wasser, noch benutzen sie Schepperdosen.

    9.  Den Welpen mit tiefer Stimme, vorwärtsgerichteter Körperhaltung und fixierendem Blick unterbrechen. Du imitierst u.a. hundliches Drohverhalten/Abbruchsignale.

    • Vorteil: Funktioniert prima bei geübten und authentischen Hundehaltern. Droh-/Abwehrverhalten kann vom Menschen gut umgesetzt werden, weil es die klassische Form von (auch artübergreifender!) Warnung im Großteil des Tierreiches ist. Dazu gehört ebenso der Menschen. Deshalb kann auch eine selbstbewusste Katze mit Drohfauchen und entsprechender Körpersprache durchaus Hunde auf Abstand halten oder eine Gans sehr nachdrücklich vermitteln, wenn sie sich ganz und gar nicht als mögliches Opfer eines Angreifers betrachtet. Als Hundehalter profitierst Du davon, wenn ein Welpe zu diesen artübergreifenden Warnungen schon angeleitete Vorerfahrungen beim Züchter sammeln konnte – nicht nur durch die Mutter, andere Hunde und Menschen, sondern im Idealfall z.B. auch mit Katzen, Gänsen, Hühnern oder anderen artfremde Tieren.
    • Nachteil: Die eigene Körpersprache gezielt einzusetzen, muss von vielen Hundebesitzern oft erst (wieder) gelernt werden. Intensität muss passend zum Hund sein und soll zwar einen Abbruch herbeiführen (Intensität angemessen), aber weder den Welpen verängstigen (Intensität zu hoch), noch ihn zum weitermachen animieren (Intensität zu niedrig).
    • Form: menschlich/hundlich/generell tierisch

    10.  Hände, Beine wegziehen und sich vom Welpen abdrehen.

    • Vorteil: Funktioniert bei entsprechend klaren Hundehaltern mit souveränem Auftreten. Kann dann in die Form eines Ignorierens übergehen, um den Hund ins Leere laufen zu lassen.
    • Nachteil: Muss sehr bestimmt und mit entsprechend körpersprachlicher Autorität und authentischer Stimmung vermittelt werden, sonst verkehrt sich diese Maßnahme oft ins Gegenteil. Nicht zu empfehlen für hektische/unsichere Hundehalter und kleinere Kinder, weil ein gehemmtes, nervöses oder sogar ängstliches Wegdrehen vom Hund (vor allem mit zusätzlichem Quietschen und schnellen Beweungen) oft genau das Gegenteil vom erwünschten Effekt bewirkt: Der Welpe wird angestachelt und lernt, dass er mit eigenem Körper – und Zahneinsatz seinen Menschen in Schranken verweisen kann und dieser ihm ausweicht, wenn er beginnt zu schnappen.
    • Form: menschlich/hundlich

    Beachte: Um später entsprechende Kontrolle über seine Beißintensität zu erlangen, muss Dein Welpe seine Zähne auch mal im Spiel mit Dir ausprobieren dürfen – Fußballspielen lernst Du schließlich auch nicht, indem Du nie gegen einen Ball trittst…  Das heißt aber nicht, dass der Welpe das bei kleinen Kindern austestet. Du solltest parallel üben, dass Kinderhände, Kinderarme & Kinderfüße grundsätzlich für seine Zähne tabu sind!

    Beißhemmung gegenüber Menschen

    Kontrollierter Einsatz der Zähne mit geringer Intensität – hier im erlaubten gemeinsamen Spiel mit einem erwachsenen Hund.

    Die wilden 5 Minuten: Wie sich Stimmungslagen und Reizüberflutung auf das Erlernen der Beißhemmung auswirken!

    Jeder Welpenbesitzer kennt sie: Die wilden 5 Minuten, wo das Hundekind plötzlich wie aus dem Nichts aufdreht, wie von der Tarantel gestochen durch die Wohnung rast und dabei in alles hinein beißt, was ihm vor die Schnute kommt. Das sind dann auch mal die Hosenbeine und Menschenfüße.

    Zunächst einmal: Diese kurzen Ausraster – meistens gegen Abend – sind für Welpen völlig normal.

    Gedanken solltest Du Dir allerdings machen, wenn sich Dein Welpe überhaupt nicht mehr beruhigen will oder diese Ausbrüche recht häufig am Tag auftreten. Sie können dann ein Anzeichen für Überforderung und ein zu hohes Stresslevel sein.

    Um eine gute Beißhemmung in einem recht kurz gefasste Zeitfenster optimal erlernen zu können, musst Du die Lernbedingungen für Deinen Welpen so anpassen, dass er auch lernen kann, was Du von ihm möchtest. Und das funktioniert auf einem zu hohen Stressniveau nicht mehr.

    Zieht Dein Welpe mit 8, 9 oder 10 Wochen bei Dir ein, ist er zum einen noch mitten im Lernprozess zu einer ordentlichen Beißhemmung, zum anderen muss er gleichzeitig noch weitere Fähigkeiten erlernen, die mit der Beißhemmung in unmittelbarem Zusammenhang stehen:

    • Impulskontrolle
    • Frustrationstoleranz

    Impulskontrolle und Frustrationstoleranz müssen ebenso Schritt für Schritt gelernt werden. Das heißt, je weniger Impulskontrolle und Frustrationstoleranz Dein Welpe noch hat, desto heftiger wird er im Zweifelsfall auch in Deine Hände, Beine, Füße oder Hosenbeine zwicken.

    Kommen jetzt noch zu viele äußere Stressfaktoren dazu, muss sich Dein Welpe mit sehr vielen und wechselnden Reizen in sehr kurzer Zeit am Tag auseinandersetzen und hat zudem nicht genügend Ruhepausen gehabt, umso weniger wird es ihm im Verlaufe des Tages noch gelingen, seine Zähne zu kontrollieren!

    Das ist ein ganz klassischer Fall von Reizüberflutung und Übermüdung wie man das auch von kleinen Kindern kennt!

    Bedenke bitte, dass Dein Welpe gerade einmal ein paar wenige Wochen überhaupt auf dieser Welt ist:

    Er erlebt jeden einzelnen Tag ganz viele Dinge, die für ihn absolut neu sind. Er sieht, hört, riecht und fühlt Dinge, mit denen er vorher noch nie in Kontakt war. Er ist in eine Menschenfamilie eingezogen, in der jede einzelne Person noch fremd für ihn ist. In eine Umgebung, die er nicht kennt, mit Regeln, die er erst verstehen muss.

    All das muss sein Welpengehirn erst einmal verarbeiten können. Und dafür braucht er zwischendurch ziemlich viel Ruhe, weil sich vor allem im Schlaf das Gehirn strukturiert und Lernerfahrungen verarbeitet werden. Dabei sprechen wir durchaus von 18 bis 20 Stunden am Tag!

    Für diese Ruhezeiten musst Du dann als Hundehalter sorgen – denn es ist nicht so, dass sich jeder Welpe die Zeit nimmt, die er benötigt. Welpen sind einfach sehr reizempfänglich und springen oft sofort auf alle Auslöser oder Anreize an, die sich bieten oder ihnen präsentiert werden. Gerade, wenn Kinder im Haushalt sind, musst Du darauf achten, dass der Welpe sich nicht ständig in Aktion befindet oder zu Aktionen animiert wird.

    Ein übermüdeter Welpe fällt nicht unbedingt einfach um und schläft. Im Gegenteil dreht er oft auf, wird launisch, aggressiv, wild, impulsiv und hat sich nicht mehr unter Kontrolle. Nicht umsonst heißt es auch bei kleinen Kindern: „Nach müde kommt doof!“

    Je hochgepuschter und gestresster Dein Welpe ist, umso heftiger und unkontrollierter wird er in der Folge zuschnappen.

    Rastet Dein Welpe also häufig aus, lässt sich nicht mehr herunterfahren und schraubt sich in die Welpenbissigkeit hinein, ist das in der Regel ein Zeichen von zuviel Stress bzw. stressigen Situationen am Tag. Dann musst Du ein paar Gänge zurück schalten und ihm mehr Ruhephasen verschaffen.

    Je aufgeregter und gestresster Dein Welpe nämlich ist, umso weniger erfolgreich wirst Du mit ihm auch die Beißhemmung üben können: Das wäre ungefähr so, als würdest Du mit Deinem 4jährigen Kind auf seinem ersten Kindergeburstag mit Freunden plötzlich noch eine Blockflöten-Lektion beginnen wollen. Der Wutanfall ist vorprogrammiert!

    Ein überforderten Welpe benötigt keine Lektion zur Beißhemmung, sondern mehr Ruhe!

    Dreht Dein Welpe aus Überforderung und Reizüberflutung auf, ist das definitiv nicht der richtige Moment um die Beißhemmung mit ihm zu üben. Das ist ein ganz klassischer Fall von Auszeit geben. Sorge also für einen ruhigen Platz oder eine Box, wo Dein Welpe tatsächlich zur Ruhe kommen kann oder aktiv von Dir in die Ruhe gebracht wird.

    Ruhe für den Welpen ist dann auch Ruhe – auch Kinder haben in dieser Zeit nichts in der Nähe des Welpenplatzes zu suchen und müssen respektieren, dass ein Welpe nicht immer mit ihnen spielen soll und darf.

    Die Rechte an diesem Text liegen ausschließlich bei Judith Borck. Ohne schriftliche Genehmigung darf dieser weder kopiert, verändert noch verbreitet werden.