Im zweiten Teil der rassespezifischen Eigenschaften geht es am Beispiel Territorial- bzw. Revierverhalten um die klassische Selbstbelohnung.

Revierverhalten.
Als Revierverhalten bezeichnet man in der Biologie alle Verhaltensweisen, die das Revier eines Tieres oder (s)einer Gruppe kenntlich machen oder die geeignet sind, das Revier gegen andere, revierfremde, Artgenossen zu verteidigen. Also vom Markieren über das Drohen bis hin zum Angriff.
Im Laufe der Domestikation vom Wolf zum Hund haben wir Menschen uns dies zum Vorteil gemacht und Hunde entsprechend ihrer Nützlichkeit zu unseren Bedürfnissen selektiert. Im Falle des Territorialverhaltens heißt dies, dass uns Hunde tatsächlich nützlicher erschienen, die ein „Revier“ nicht nur gegen gruppenfremde Artgenossen verteidigen, sondern auch gegen fremde Menschen:

Potenzielle Diebe von Hab und Gut, Vieh, Nahrungsmitteln etc.pp.

Je nachdem, wie ausgeprägt und in wecher Form man das Revierverhalten für sich einsetzen und nutzen wollte, hat man die Tiere ihren Aufgaben entsprechend selektiert und „gezüchtet“.
Daraus entstanden sind bestimmte Hundeschläge bzw. später spezielle Gebrauchshunderassen.

Der Spazierweg und das mobile Revier.
Zum Leidwesen vieler Hundebesitzer beschränkt sich für viele Hunde das Territorialverhalten keineswegs nur allein auf Wohnung oder Garten. Revier ist das, wo man sich häufig aufhält, also durchaus auch die regelmäßig frequentierte Gassi-Strecke.

Und manch ein Hund hat sein „mobiles Revier“ schlicht immer und überall im Gepäck und packt es dann bei jeder entsprechenden Gelegenheit auch aus. Zum Beispiel wenn sein Mensch sich für 5 Minuten auf die Parkbank setzt.
Und auch dieses Verhalten ist bei vielen Hunderassen im Zuge der genetischen Selektion und ursprünglichen Verwendungszwecke nicht nur gewünscht, es war und ist – zum Teil bis heute – gewollt.

Genetische Eigenschaften sind selbstbelohnend.
Genau diese genetisch fixierten Eigenschaften sind es aber häufig, die dem heutigen Hundehalter irgendwann auf die Füße fallen:
Denn diese, vom Menschen züchterisch geförderten, Rassetalente macht vor allem eins aus – sie sind selbstbelohnend!

Die intrinsische Motivation.
Man spricht hier auch von der sog. intrinsischen Motivation. Das beudeutet – verkürzt – nichts anderes, als dass das Erleben und Ausleben bestimmer Verhaltensweisen selbst so viel Freude und Spaß bereitet, das keine Verstärkung mittels Belohnung von außen erforderlich ist. Ein Verhalten, das auf innerer Motivation beruht, verstärkt sich also einfach selbst dadurch, dass es (aus)gelebt wird.

Das ist im übrigen auch die ganz simple Erklärung dafür, warum sich so viele Hunde insbesondere im Revierverteidigungsmodus (und zum Leidwesen ihrer Halter) so unbestechlich gegenüber guten Worten und der Fleischwurst zeigen…

Um beim Territorialverhalten von Hunden zu bleiben: Je mehr Wert der Mensch also im Laufe der Selektion von Hunderassen auf eben dieses Verhalten gelegt hat, desto weniger muss er tun, um genau dieses beim Hund hervorzurufen. Es muss also eben gerade nicht (!) mühselig trainiert werden, dass der Hund Revierverteidigung zeigt.

Die Aufgabe des Hundehalters
Was der Mensch als Hundehalter in unserer heutigen Zeit, vorzugsweise in dichtbesiedelten Gebieten wie z.B. Deutschland, stattdessen zwingend tun muss, ist etwas ganz anderes:

Er muss Sorge dafür tragen, dass insbesondere der „Gebrauchshund“ in Privathand händelbar bleibt. Und dafür müssen von Welpenbeinen an Spielregeln aufgestellt werden. Es ist also unabdingbar, dass auch revierverteidigendes Verhalten zwingend begrenzt werden muss!

Genetisch fixierte Rasseeigenschaften lassen sich von der intrinsichen Motivation eines entsprechenden Hundes schlicht nicht entkoppeln. So einfach ist das. Und so komplex gleichermaßen!

Denn nun ist das, trotzallem, mit allen genetisch fixierten Rasseeigenschaften eine recht verzwickte Sache: Die sind nämlich nicht – plopp! – mit dem Tage der Geburt eines Welpen von jetzt auf gleich in ganzer Ausprägung vorhanden. Sie entwickeln sich stattdessen sukzessive im Verlaufe des Erwachsenwerdens.

Das macht auch biologisch Sinn. Sonst wären, by the way, viele Hunde schon als Welpe für ihre Menschen nicht mehr händelbar. Wobei es das, insbesondere im Aggressionsbereich, gar nicht so selten gibt. Das ist aber ein anderes Thema

Fördere nicht, was Du nicht händeln kannst.
Was heißt das denn nun für den Hundehalter in Bezug auf das Territorialverhalten?

Es heißt nichts anderes, als dass ich keinesfalls fördere, was ich objektiv nicht in der Lage bin bei meinem Hund zu kontrollieren. Einem Dobermann, Rottweiler, Schäferhund, Hovawart oder Cane Corso muss ich nämlich nicht beibringen, wie das mit dem Aufpassen geht. Das kann der ganz von allein.

Und nicht nur das. Ich sollte nicht nur NICHT fördern, ich darf entsprechende Tendenzen auch nicht einfach so ignorieren und hoffen, dass die sich irgendwann „verwachsen“. So funktioniert das mit der intrinsischen Motivation eben nämlich gerade nicht!

Auch ignorieren heißt fördern.
Sprechen wir Klartext. Ignorieren ist hier nichts anderes als Fördern. Fördern durch Unterlassen und Nichtstun. Denn der Hund verschafft sich seine Belohnung völlig ungehemmt und zu seinen Bedingungen einfach selbst. Indem er tut, was er tut.

Im Falle des entsprechenden Hundetyps/Hunderasse mit ausgeprägtem Revierverhalten ist man also gut beraten, sich sehr genau zu überlegen, ob man als Hundehalter diesen Talenten seines Hundes auch gewachsen ist. Denn auf „später“ verschieben kann man hier nicht. Zumindest nicht dann, wenn man doch noch mal von irgendwem Besuch erhalten oder sicherstellen möchte, dass der Hund nicht zur Gefahr für andere auf dem üblichen Spazierweg wird.

Die Geister, die ich rief, lassen sich nämlich oft nur schwerlich, manchmal gar nicht – und selten widerstandslos – zurück in die Flasche schicken.

Daher hat es verständliche Gründe, wenn ein entsprechender Hundezüchter die Abgabe in Privathand ablehnt, weil er z.B. seine Hunde ausschließlich für den Dienstgebrauch bei der Polizei züchtet. Oder ein Züchter seine Welpen nur an bereits hunde- und rasseerfahrene Menschen abgibt. Er weiß nämlich, wie sich seine Hunde bei unbedarften Privathundehaltern oder Hundeanfängern entwickeln würden – im Gegensatz zu den marktbedienenden Online-Händlern, Kofferraum-Verkäufern und Muddi und Pappa Müsch, die sich mal eben überlegt haben, dass es eine tolle Idee wäre, wenn Aussie Anna mit Pitbull Piet Nachwuchs zeugt. Denen ist das nämlich egal mit den rassespezifischen Eigenschaften und der intrinsischen Motivation. Meistens wissen sie darüber auch einfach nichts.

Weitere Infos:

Rassespezifische Eigenschaften Teil 1 – Jagdverhalten

Mein Haus, mein Hof, mein Garten, mein Spazierweg