Durchbrennen oder nicht – kann man Jagdverhalten abtrainieren?

Viele Hunde sind ziemlich passionierte Jäger und nutzen jede sich bietende Gelegenheit, ihrem Hundehalter zu entwischen, sobald sich ein jagdbarer Reiz bietet.

Da stellt sich natürlich die Frage, ob man seinem Vierbeiner die Jagdlust nicht irgendwie abtrainieren kann?

Die Antwort ist eindeutig nein.

Warum das nicht geht, zeige ich euch hier anhand eines Videoausschnitts mit meinem eigenen Malinois-Herdenschutzhund-Mischling Fifty und erkläre euch in den Untertiteln, was er da in sehr schneller Abfolge eigentlich tut.

Jagdliche Appetenz

Das, was ihr auf diesem Video seht, ist das Ergebnis mühseliger Arbeit von einem ganzen Jahr Training, bis überhaupt an Freilauf zu denken war. Vorher wäre Fifty einfach schon bei der kleinsten Bewegung am Horizont durchgebrannt. Und trotzdem könnt ihr deutlich erkennen, dass man „Jagdverhalten“ eben NICHT wegtrainieren kann – im günstigsten Fall ist es für den Hundehalter gut kontrollierbar.

Denn auch Fifty ist hier natürlich mit allen Sinnen im Jagdmodus: scannen, hören, riechen. In diesem Fall ist es der Beginn der jagdlichen Handlungskette und die gezielte Suche nach einem möglichen Reiz. Das ist die sogenannte Appetenz.

Hohe Jagdmotivation als Problem im Alltag

Eine hohe Jagdmotivation kann sich im Alltag als echt gravierendes Problem herausstellen: Nicht nur bei Wild, sondern gerade, wenn bei einem Hund noch andere Bewegungsreize das genetisch manifestierte Beutefangverhalten auslösen wie Autos, Radfahrer, Jogger, spielende Kinder oder auch… rennende (Klein)hunde.

Rassetypische Eigenschaften

Als mein Hund mit 1,5 Jahren aus Ungarn kam, war für den vermittelnden Tierschutzverein klar, dass er – trotz seiner grundsätzlich freundlichen und aufgeschlossenen Persönlichkeit – NICHT an Hundeanfänger vermittelt wird.

Das war auch die richtige Entscheidung.

Er würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit heute Radfahrer, Autos und Jogger jagen, kleine, rennende Hunde als potenzielle Beute betrachten und wäre in Wald und Feld weder ansprechbar noch ableinbar. Und ein paar Herdenschutzhund typische Verhaltensweisen wären vermutlich bei Hundeänfängern ebenfalls eskaliert.

Es hätte keiner Mühe bedurft, aus diesem Hund ein Tier zu machen, mit dem in kürzester Zeit der Alltag zu einer alptraumhaften Katastrophe geworden wäre, denn die Anlagen dafür hatte er natürlich damals schon. Man konnte sie an der einen oder anderen Stelle auch schon sehr deutlich aufblitzen sehen.

Um kein falsches Bild entstehen zu lassen: All das, was mein Hund heute kann, hätten viele andere mit ihm auch hinbekommen. Gewisse Erfahrung und Voraussicht allerdings zwingend vorausgesetzt.

Mein Vorteil war schlicht und ergreifend, dass ich auf einen großen und jahrelangen praktischen Erfahrungsschatz zurückgreifen durfte.

Dieser Hund war nicht mein erster mit entsprechender Jagdleidenschaft, ich wusste sehr genau um die Talente und Probleme, die der Malinois mit sich bringt und auch um die Besonderheiten von bestimmten Herdenschützern.

Kurz – ich wusste, worauf ich mich einlasse.

Richtige Prioritäten gleich zu Beginn setzen

Ich habe mich damals sehr bewusst für diesen Hund entschieden, um dann ebenso genau unser erstes gemeinsames Jahr zu planen. Insbesondere, welche Dinge ich bei einem 1,5jährigen Rüden dieses Rasse-Mixes sehr schnell etablieren muss und welche Dinge auf der Liste warten können.

So war es mir u.a. sehr wichtig, dass ich ihn in jeder Situation (auch dem Lauf oder Spiel heraus) ins Platz schicken kann. Ein bombenfestes Platz. Damit ich ihm situationsbedingt die Sicht bzw. Übersicht nehmen kann.

Sitz war mir eher unwichtig – da kann er nämlich IMMER viel zu viel sehen. Was ungünstig ist bei einem Hund, der auf Bewegungsreize sofort anspringt.

Wichtig war mir auch, dass er vom ersten Tag an eine absolut saubere Leinenführung lernt, sich an mir  orientiert und Rücksprache hält. Weil ich mir im Dunkeln nämlich selbst nichts schlimmeres vorstellen kann, als einen Herdenschutzhund, der mit der körperlichen und geistigen Geschwindigkeit eines Malinois die Entscheidung trifft, wer sich noch auf der Straße aufhalten darf und in Kombi mit Bewegungsreizen plötzlich in den Jagdmodus schaltet!

Was nicht geht!

Es gibt aber auch Dinge, mit denen ich trotzallem leben muss. Zum Beispiel, dass dieser Hund ab der Dämmerung sich trotz allen Trainings so sehr in seiner Jagdleidenschaft verliert, dass er an der Leine bleiben muss. Das haben wir aber tatsächlich in dieser Form nur noch bei Wild und im Feld.

Ballspielen ist übrigens auch etwas, was dieser Hund nicht darf. Da reichen tatsächlich ein paar unreflektierte Würfe – und er ist die nächten Tage völlig unter Strom in Bezug auf sämtliche Bewegungsreize und dann nicht mehr ableinbar. Das ist also nicht zu unterschätzen!

Der jagdmotivierte Hund als Lebensaufgabe

Fifty ist für mich in beuteorientierten Situationen heute gut händelbar. Es wird allerdings nur so bleiben, wie es ist, wenn ich kontinuierlich an dem Thema dranbleibe.

Jagdverhalten ist nichts, was einfach aufhört, nur weil man ein Jahr trainiert hat. Oder zwei. Das ist eine lebenslange Aufgabe. Etwas, das einem in Fleisch und Blut übergehen muss – in aller Konsequenz.

Ersatzaufgaben

Zuletzt möchte ich noch anmerken, dass es aus meiner Sicht nicht hundegerecht ist, jagdpassionierte Hunde ausschließlich durch Training kontrollierbar zu machen. Sie müssen eine adäquate Ersatzaufgabe bekommen, die ihnen ermöglicht, ihre jagdlichen Talente bis zu einem gewissen Grad ausleben zu dürfen.

Bei uns ist das die Objektsuche.

Und weil Fifty für mich im Feld inzwischen zuverlässig ansprechbar bleibt und weiß, dass er Hasen und Rehe nur anschauen darf,  sind pirschen, vorstehen und Mäusesprünge heute erlaubt. Aber, und da bin ich ehrlich, das geht so nicht mit jedem Hund.

Weitere Infos:

Rassespezifische Eigenschaften Teil 2 – Territorialverhalten

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