Das Gehirn braucht auch ein NEIN!

 

Artikel vom 17.01.2020

Auf den Tag genau vor einem Jahr habe ich zu dem Thema „Auch Langeweile will gelernt sein...“ einen Artikel verfasst.

Weil es mir wichtig war. Weil es mich schon seit langer Zeit beschäftigt hat. Weil es auch für mich – emotional - immer schwieriger wird, diesen vielen völlig durchgeknallten Hunden beim „Leben“zuzuschauen:

Wie sie keine Sekunde still sitzen können.

Wie sie ihr Gehirn nicht ein paar Bruchteile eines Moments auf einen Reiz fokussieren können: Hören, sehen, riechen – alles gleich WICHTIG, WICHTIG, WICHTIG!

Hunde zu erleben, die so reizüberflutet sind, dass sie nur noch ausrasten können – weil sie sich buchstäblich im Wahnsinn befinden...

 

Das Thema der „durchgenallten“ Hunden ist geblieben. Ich finde sogar, es werden immer mehr. Immer mehr (problematische) Hunde, die man für Training vorgestellt bekommt. Auch immer mehr Hunde, die permanent auf 180 sind. Immer mehr Hunde, die nervös oder hyperaktiv sind, angeblich unerziebar oder launenhaft und aggressiv.

 

Was all diese Hunde in der Regel oft eint, ist eins: Sie können Reize nicht hierarchisch bewerten. Ganz simpel nach wichtig, nicht so wichtig, wenig wichtig und belanglos...

 

Stell Dir vor, Du gehst raus auf die Straße – und alle Eindrücke prasseln permanent & ungefiltert - mit der gleichen Wertigkeit (!) – auf Dich ein:

 

Jede Bewegung eines jedes Menschen, der an Dir vorbeigeht.

Jeder Schatten, der vorbeihuscht. Jedes Blatt, das flattert.

Und überhaupt: Wie sehen die Menschen eigentlich alle aus:

Haben die einen Hut auf? Eine Mütze? Einen Regenschirm bei sich? Ist die Jacke grün oder rot? Nehmen die gerade die Hände aus der Tasche? Oder stecken sie sie rein? Schneuzen die sich? Stolpert da gerade jemand?

 

Jedes Geräusch: Jede bremsende Straßenbahn, jeder bremsendes Auto, das Getüte von der Ampel, wenn sie auf“grün“ springt, die Klingel des Eiswagens, das Gekreische der Katzen, die sich einen Block weiter streiten, das Martinshorn von Krankenwagen, Feuerwehr oder Polizei.

 

Und was man alles zeitgleich riechen kann: Döner, Pizza, die Brötchen vom Bäcker, den gammeligen Müllberg neben der Parkbank, ob das Deo unter der eigenen Achsel gerade versagt, ob das Deo bei meinem Sitznachbarn im Bus schon aufgegeben hat, ob die frische Tretmine unterm Schuh eher nach Frolic oder Pedigree Exklusiv müffelt...

 

Wieviel Geld habe ich eigentlich bei mir? 20 Euro? 19,47? Wieviel Centstücke in 5ern, 2er und 1ern sind das eigentlich? Wo sind meine Handschuhe? Brauche ich die eigentlich? Wenn nein, warum nicht?

 

Eigentlich unvorstellbar, oder? Der absolute Super-GAU für das Gehirn...

 

Und weil unser Gehirn genau so etwas nicht leisten kann, haben unsere Eltern uns von klein auf tatsächlich eins beigebracht: NEIN.

 

NEIN, das ist jetzt nicht wichtig.

NEIN, das machst Du jetzt nicht.

NEIN, Du machst jetzt genau das, aber nicht das andere.

NEIN, Du musst auf die grüne Ampel warten – und wenn es so ist, dann ist der Eiswagen eben leider weg. Shit happens. Gibt's das Eis vielleicht morgen. Jedenfalls nicht jetzt.

 

Was unsere Eltern mit ihrem simplen „NEIN“ getan haben, ist ein unglaubliches Geschenk für unsere Gehirnentwicklung.

Nämlich: Wichtige von unwichtigen Reizen zu unterscheiden. Damit wir nicht irre werden. Damit wir Prioritäten setzen können, Entscheidungen treffen, überlegt handeln – und uns eben gerade nicht in völliger Reizüberflutung verlieren!

 

Für viele Hunde scheint dieses einfache Prinzip leider noch nicht angekomen zu sein:

Da wird stundenlang bespaßt, Bälle geworfen, Suchspiele gemacht, Tricks geübt – alles im Sinne der Auslastung. Damit Waldi endlich aufhört, alle anderen Hunde anzuschreien, Menschen zu beißen, endlich mal Ruhe gibt, anstatt lautstark das Haus zusammen zu kläffen, wenn er mal 20 Minuten alleine bleiben soll...

Statt „nein“ und Ruhe gibt es noch mehr Reize. Alternative Reize. Noch mehr Hochpuschen, noch mehr Action...

 

Nur eins gibt es nicht: Pause. Langeweile. Zeit zum Nachdenken. Zeit, die Synapsen im Hirn sinnvoll – und mit VERSTAND – zu verbinden.

 

Lasst dieses emotionale Chaos bei euren Hunden doch einfach nicht zu. Es ist eure Aufgabe, das Gehirn eures Hundes zu ordnen. Nicht, ihn zu einem psychischen Wrack zu machen. Ein NEIN an der richtigen Stelle ist euer ganz persönlicher Beitrag zur seelischen Gesundheit eures Hundes.

 

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